Eindrücke aus Jerusalem und dem Westjordanland

Am Freitag den 11.11.11 haben wir unser Ziel dieser Pilgerreise endlich erreicht. Dass wir ausgerechnet an diesem Datum in Jerusalem ankommen würden, haben wir erst vier Tage zuvor realisiert. Man mag es Zufall oder Schicksal nennen, aber das Ende dieser langen Pilgerreise ist ein bedeutender Tag für beide von uns. Langsam beginne ich zu verstehen: Wir sind angekommen. Nun will oder muss ich nicht mehr zu Fuss nach Jerusalem gehen, denn während den letzten viereinhalb Monaten habe ich eben genau das getan! Dieses Unternehmen ist somit abgeschlossen und auf den 11.11.11 einen neues Kapitel aufzuschlagen, ist wahrlich ein freudiges Gefühl.

Wir starten unseren Aufstieg in die Stadt Jerusalem von Mitzpe Yeriho aus. Dies ist nicht das allgemein bekannte Jericho am westlichen Ufer des Jordans, sondern eine neue jüdische Siedlung etwas weiter westlich, die im Völkerrecht als illegal betrachtet wird. Mitzpe Yeriho fällt durch seine massiven Schutzzäune und einem durch bewaffnete Siedler kontrollierten Schranke auf. An unserem letzten Tag des Pilgerns durch das Palästinensische Autonomiegebiet sehen wir von Weitem einige dieser Siedlungen. Sie sind wegen den fehlenden Minaretten, den Schutzanlagen und dem deutlich besseren Baustandard der Häuser unschwer zu erkennen.

Am Stadtrand Jerusalems werden wir dann ohne viel Federlesens durch den israelischen Checkpoint gelassen, so dass wir gegen 15 Uhr die Altstadt erreichen. Vom Damaskustor aus der Via Dolorsa folgend gelangen wir so dann zur Grabeskirche.

Jerusalem weckt in mir sehr gemischte Gefühle. Unglaublich froh angekommen zu sein, erlebe ich dennoch ein Moment der Ernüchterung. Die Idee eines Jerusalems, in dem Menschen verschiedener Religionen und Kulturen friedlich miteinander leben können, ist fernab der Realität. Ich spüre den regelrechten Konkurrenzkampf um die Heilige Stadt, in der jeder seinen Glauben beweisen muss.

Wie wir zu Beginn des Sabbats in der Via Dolorosa in einem Café sitzen, sehen wir die Chassidim in ihren schwarzen Gewändern zur Klagemauer eilen. Aus einer anderen Gasse kommt eine Gruppe von christlichen Pilgernden in die Via Dolorosa. Zwei von ihnen tragen sich kasteiend ein schweres hölzernes Kreuz auf den Schlutern. Die muslimische Minderheit mischt weniger mit, behütet den Tempelberg jedoch so wie den eigenen Augapfel. Kein Nicht-Muslim ist ausserhalb der sehr kurzen Besuchszeit (eine Stunde am Vormittag und eine am Nachmittag) und ausserhalb der für Turisten konzipierten Eingangsrampe zugelassen.

Wie auffallend notwendig an genau diesem Ort eine grundlegende Erneuerung ist! Ein Neubeginn, wo alte Formen keine so wichtige Bedeutung mehr finden. Ein Neubeginn frei von religiösem und politischem Extremismus.

Auch die Realität des Nahostkonflikts ist in der Tat bedrückend, wobei die Einheimischen dieser Region ständig und viel stärker unter dieser Situation leiden als wir das erlebt haben. Checkpoints. Kontrollen. Kein Bus wird bestiegen ohne dass man vorher durchgescannt wird, in kein Parkhaus wird gefahren ohne dass der Kofferraum geöffnet und auf gefährliche Gegenstände, also Sprengstoff, kontrolliert wird.

Auch wenn Jerusalem heute sowie vor 2000 Jahren nicht ein besonders freundlicher Ort ist und war, so ist die Heilige Stadt dennoch das Ziel von Tausenden von Pilgern jedes Jahr.  Denn hier hat sich Bedeutendes für die Menschheit zugetragen: die Auferstehung von Jesus Christus.

Regula Burri

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